Frühkindliche Bewegungsmuster/ frühkindliche Reflexe

Der Bereich der frühkindlichen Bewegungsmuster oder Reflexe gehört zu den Basisfunktionen. In der Entwicklungspyramide (siehe Grafik Das Konzept) stellt er eine eigene Stufe dar.
Eine gelungene Integration der frühkindlichen Bewegungsmuster/ frühkindliche Reflexe führt zur motorischen Reife und ist Voraussetzung für ein lückenloses Weiterschreiten der Entwicklung.
Frühkindliche Reflexe sind Bewegungsmuster, die zu einer bestimmten Zeit auftreten und auftreten müssen und die nicht der Willkürmotorik unterliegen, sondern zu deren Ausbildung führen. Frühkindliche Bewegungmuster/frühkindliche Reflexe sind nötig in den ersten Lebensmonaten bis zum 3.Lbj. zur Anbahnung von Nerven- und Synapsenverbindungen, zur Ausführung von unwillkürlichen Bewegungen die zur Gehirnentwicklung führen, zur Vorbereitung der Willkürmotorik, zur Ausbildung des Muskeltonus und zur Sicherstellung aller lebensnotwendigen Bewegungen (Schlucken etc.).

Eine Abwesenheit dieser frühkindlichen Bewegungsmuster/frühkindlichen Reflexen zu deren realer Waltezeit, zeugt in den meisten Fällen von einer zerebralen Schädigung. Das Wissen über diesen Bereich entstammt Forschungen über hirngeschädigte Kinder. Aus diesem Grund ist das Testen der frühkindlichen Reflexe/Bewegungsmuster Teil der U-Untersuchungen. Leider wird jedoch oftmals nur getestet, ob die frühkindlichen Reflexe/Bewegungsmuster zur entscheidenden Zeit anwesend sind, nicht ob sie nach ihrer Waltezeit auch tatsächlich integriert wurden.
Hat diese Integration der frühkindlichen Reflexe/ frühkindlichen Bewegungsmuster nicht stattgefunden, sind diese immer noch wirksam und haben Auswirkungen auf die weitere Entwicklung. In der Folge kann es zu motorischen Entwicklungsstörungen, Lernstörungen und Verhaltensstörungen kommen.

Für das sich entwickelnde Kind bedeutet dies aber unter Umständen, dass eine lebenslange Kompensation stattfinden muss. Jede Kompensation kostet Kraft, die an einer anderen Stelle fehlt.
Oft werden diese Probleme, die ihren Grund auf neurophysiologischer Ebene haben, und nicht als das erkannt was sie sind. Es findet allzu schnell eine Pathologisierung statt. Da werden z.B. Verhaltensprobleme, die aus einer neurophysiologischen Ursache entstanden sind, als psychische Problematik behandelt.

Ein Beispiel frühkindlicher Reflexe/Bewegungsmuster – die Moro – Reflex/ Moro –Reaktion

Entstehung:
um die 9. Schwangerschaftswoche
Hemmung: im 2. – 4. Lebensmonat
Reaktion: unmittebare Erregung, schnelles Einatmen- „kurzes“ Erstarren /Aufschrecken- heftiges Ausatmen, oft mit einem leisen Schrei,
Freisetzen von Adrenalin und Cortisol, Hyperventilation, Anstieg des Herzschlages und des Blutdrucks, Hautrötung, evt. Gefühlsausbruch wie weinen, sich verweigern und anderes (1918 erstmals von Moro als Fluchtreaktion beschrieben), der Abbau der Moro-Reaktion kann zwischen 10 Minuten und 12 Stunden liegen.
Auslöser: Jede Art plötzlicher unerwarteter sensorischer Reize – vestibulärer, akustischer, visueller, taktiler Reiz.

Aufgaben der Mororeaktion: In der relativ kurzen Waltezeit nach der Geburt ist das Kind schutzlos einer unüberschaubaren Flut von Sinnesreizen und –eindrücken ausgeliefert, für die noch kein Erfahrungshintergrund vorliegt, die es noch nicht einschätzen kann und denen es in seinem momentanen Entwicklungsstand nicht adäquat begegnen kann. Die Moro-Reaktion ist die Alarmglocke des Kindes, es ruft damit Hilfe herbei.
Im Mutterleib scheint die Moro-reaktion den Atemreflex und die Immuntoleranz mit einzuüben.
Nach der Geburt bahnt sie alle wichtigen neurologischen „Kanäle“ an, die für eine gesunde sensorische Entwicklung nötig sind. Die Moro-Reaktion ist multisensoriell und führt zu einer Hypersensibilität während ihrer Waltezeit.

Probleme einer fortbestehenden Moro-Reaktion: Diese Hypersensibilität bleibt, wenn die Moro-Reaktion über das Lebensalter von 2 – 4 Monaten hinaus bei einem Kind bestehen bleibt. Das Kind lebt dann in einem akutem Zustand der Reizüberflutung, was zu einer Beeinträchtigung des Schlafrhythmus führen kann. Es kann nicht abschalten und findet keine Ruhe oder aber es wird von einem auf den anderen Moment müde und schläft „wie tot“. Daraus entwickelt sich oft eine „Stimulusgebundenheit“. Das Kind wird von den Reizen wie magisch angezogen. Jeder dieser Reize kann zu einer plötzlichen Moro-Reaktion führen. Das Kind ist, bildlich gesprochen, ununterbrochen „fluchtbereit/in Alarmstimmung“. Die ausgelöste Moro-Reaktion führt zu einer Ausschüttung der Stresshormone Adrenalin und Cortisol, was wiederum die Sensibilität und das Reaktionsvermögen erhöht – ein Systemkreislauf, den das „Moro-Kind“ durch Kontrolle seiner Umwelt oder der Situation zu regulieren versucht. Oft erscheinen solche Kinder Paradox, sie sind einerseits sehr sensibel (Stimmungsbarometer), haben eine hohe Aufnahmebereitschaft, sind fantasievoll und scheinen sich verantwortlich zu fühlen. Andererseits neigen sie zu Überreaktionen, erscheinen emotional unreif, haben ein schlechtes Ausdauerverhalten, können schlecht Entscheidungen treffen und ertragen es nicht, kritisiert zu werden.

Entstehen kann daraus ein eher ängstlicher Typ, der oft mit Rückzug und Selbstzweifeln reagiert, Schwierigkeiten mit sozialen Kontakten und Gefühlen hat; oder ein überaktiver, eher aggressiver Typ, der sich leicht aufregt, an Selbstüberschätzung leidet, Körpersprache nicht versteht, Situationen dominieren will und sehr risikobereit ist.
Bleibt die Moro-Reaktion vorhanden, so rutscht sie von einer eher äußerlich erkennbaren Bewegungsreaktion mehr und mehr in das „Innere“. Die persistierende (weiterbestehende) frühkindliche Bewegungsreaktion wird zu einer Seelenhaltung.
Die Moro-Reaktion hat sehr viel mit der psychischen Verfassung und Entwicklung zu tun, wirkt sich jedoch, durch ihren multisensoriellen Charakter, bis in die Wahrnehmungsverarbeitung hinein aus.

Andere frühkindliche Reflexe /Bewegungsmuster sind:

  • Asymmetrisch Tonische Nackenreflex/ Nackenreaktion (ATNR)
  • Symmetrisch Tonischer Nackenreflex/Nackenreaktion (STNR)
  • Tonischer Labyrinth Reflex/Reaktion (TLR)
  • Palmar-Reflex/Reaktion (Handgreifreflex) und weitere…

Kinder mit nicht integrierten frühkindlichen Reflexen/ Bewegungsmustern zeigen unteranderem folgende Auffälligkeiten:

Vorschulalter

  • es entwickelt keinen festen Schlafrhythmus
  • es ist unruhig, fordernd, hat häufig Wutanfälle und verharrt scheinbar im Trotzalter
  • zeigt eine hohe Reizoffenheit
  • es zeigt Stimmungsschwankungen
  • es ist überängstlich oder aber extrem risikofreudig
  • es macht auch mit 5 Jahren noch ins Bett
  • es ist ungeschickt und tollpatschig
  • es ist häufig krank
  • es kann nicht allein spielen , spielt keine Rollenspiele

Schulalter (zusätzlich)

  • es ist leicht ablenkbar und unkonzentriert
  • vergisst Gelerntes schnell wieder, es findet keine ausreichende Automatisierung des Gelernten statt
  • es hat eine langsame Arbeitsweise, braucht lange , kann nicht anfangen
  • es hat Schwierigkeiten Fakten und Ereignisse in eine Reihenfolge zu bringen
  • hat Probleme mit Raum und Zeit, auch Uhrzeit
  • zeigt Teilleistungsschwächen im Lesen, Schreiben und/ oder Rechnen
  • hat graphomotorische Probleme, schlechte Stifthaltung und Schrift
  • seine Aussprache ist undeutlich, monoton, es liegen Sprachprobleme vor
  • es ist bewegungsunruhig oder zeigt Bewegungsunlust, zeigt unkoordinierte Bewegungsabläufe
  • ist schreckhaft und überängstlich oder sehr risikofreudig
  • es reagiert unangemessen auf Kleinigkeiten
  • hat Probleme im sozialen Bereich

diese Aufzählung ließe sich noch weiter fortsetzen…

Diagnostik
Die Grunduntersuchung enthält verschiedene diagnostische Bausteine, die den Bereich der frühkindlichen Reflexe/Bewegungsmuster betreffen.

Therapie
Eine Therapie von noch anwesenden frühkindlichen Reflexen/Bewegungsmustern gestaltet sich sehr individuell, da jedes Kind ein ihm eigenes Bewegungs- und Reflexprofil zeigt. Die Therapie verläuft auf neurophysiologischer Grundlage (siehe SIM-Therapie, Reflex-Therapie), entwickelt sich dynamisch und ist an den Fortschritten des Kindes orientiert.
Die Pädagogische Praxis bietet verschiedene Therapien in diesem Bereich an